Vergleichsseiten sortieren nach Preis pro GB RAM. Das ist die eine Zahl, die überall identisch definiert ist und deshalb die einzige, die verglichen wird. Die Punkte, an denen ein Anbieter im Alltag angenehm oder anstrengend ist, tauchen dort nicht auf.
Diese Liste ist der Fragenkatalog, den ich vor jeder Bestellung durchgehe. Keine Rangliste von Anbietern, sondern die Kriterien, mit denen du dir selbst eine bauen kannst.
Vor dem Kauf prüfbar#
Standort und was der Anbieter darunter versteht#
„Deutschland“ auf der Webseite kann bedeuten: Rechenzentrum in Deutschland, Firmensitz in Deutschland, oder ein Reseller in Deutschland mit Hardware anderswo. Das ist kein Detail, sobald personenbezogene Daten im Spiel sind.
Prüfbar ist es über die IP-Adresse. Nimm eine IP aus dem Netz des Anbieters (steht oft im Testserver-Bereich oder im Looking Glass) und schau nach, wem sie gehört und wo sie angemeldet ist:
# Wem gehört das Netz, und in welchem Land ist es registriert?
whois 203.0.113.10 | grep -Ei 'country|netname|descr|org'
Der Eintrag bei der RIPE ist die belastbarste öffentliche Quelle. Er sagt, wo das Netz registriert ist, nicht zwingend, wo das Blech steht, aber die beiden fallen selten weit auseinander.
Netzanbindung: Latenz statt Gigabit#
Die Portgeschwindigkeit ist selten das Problem. Die Route ist es. Ein Anbieter mit schlechtem Peering zu deinem Zuhause fühlt sich bei jeder SSH-Sitzung zäh an, egal wie schnell der Port ist.
Fast jeder ernsthafte Anbieter stellt eine Testdatei und einen Looking Glass bereit. Bevor du kaufst:
# Latenz und Route zum Testhost des Anbieters
mtr -rwc 50 test.anbieter.example
# Durchsatz an der eigenen Leitung messen (Testdatei des Anbieters)
curl -o /dev/null -w '%{speed_download}\n' https://test.anbieter.example/100MB.bin
Interessant ist bei mtr nicht der Mittelwert, sondern die Spalte mit den Verlusten und die Standardabweichung. Eine Route mit 18 ms und ohne Ausreißer ist besser als eine mit 12 ms und regelmäßigen Sprüngen auf 90 ms.
Was passiert bei einer Vergrößerung?#
Drei Modelle sind üblich, und der Unterschied merkt man erst beim ersten Upgrade:
| Modell | Ablauf | Nachteil |
|---|---|---|
| Live-Resize | RAM und CPU im laufenden Betrieb, Platte nach Neustart | selten, meist nur bei größeren Anbietern |
| Neustart-Resize | Maschine aus, Werte ändern, Maschine an | ein paar Minuten Ausfall, planbar |
| Neuinstallation | neuer Tarif = neue Maschine, Daten selbst umziehen | ein halber Abend, und ein guter Grund für saubere Backups |
Frag das vor dem Kauf. Bei manchen Anbietern steht es in der Wissensdatenbank, bei anderen nur im Ticket.
Snapshots sind keine Backups#
Fast jeder Anbieter wirbt mit Snapshots. Die liegen praktisch immer auf demselben Storage-Cluster wie die Maschine. Fällt der aus, sind beide weg. Ein Snapshot ist ein Rückspul-Knopf vor einem riskanten Update, kein Schutz gegen Ausfall, Löschung oder Verschlüsselung.
Die Frage lautet also nicht „gibt es Backups?“, sondern: wie komme ich meine Daten aus dem Anbieter heraus? Konkret: gibt es Storage-Space außerhalb der Maschine, geht ausgehendes SSH/rsync, gibt es ein Volumen-Limit auf ausgehenden Traffic. Wie das Ganze dann aussieht, steht in Backup-Strategie 3-2-1.
Kündigung und Laufzeit#
Der Punkt, der die meisten Diskussionen produziert. Zu klären:
- Laufzeit: monatlich, jährlich, oder mit Mindestlaufzeit?
- Verlängerung: automatisch, und mit welcher Frist kündbar?
- Rückerstattung: gibt es eine Testphase, und was passiert bei Kündigung mitten im Zeitraum?
Bei jährlicher Vorauszahlung mit Rabatt sollte klar sein, was bei einem Wechsel nach vier Monaten passiert. Wenn die Antwort im Kleingedruckten steht, lies das Kleingedruckte.
Erreichbarkeit des Supports#
Ein Ticket-System, das Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr besetzt ist, ist völlig in Ordnung, solange es dransteht. Was du wissen willst:
- Gibt es eine Erreichbarkeit außerhalb der Bürozeiten für Ausfälle?
- Ist ein Notfall-Zugang vorhanden, wenn das Netz der Maschine tot ist (serielle Konsole, VNC, Rettungssystem)?
- Gibt es eine Statusseite, und wird sie gepflegt?
Der Notfall-Zugang ist der wichtigste Punkt der drei. Eine kaputte Firewall-Regel sperrt dich zuverlässig aus. Ohne Konsole ist die einzige Rettung dann die Neuinstallation.
Schreib dem Support vor dem Kauf eine sachliche Frage, etwa, ob eingehendes IPv6 standardmäßig gefiltert wird. Die Antwortzeit und die Qualität der Antwort sagen mehr über den Anbieter als jede Bewertungsseite.
Nach dem Kauf prüfbar, am besten sofort#
Die ersten dreißig Minuten auf einer neuen Maschine sind der beste Zeitpunkt, um festzustellen, ob der Tarif hält, was er verspricht. Danach laufen Dienste drauf und man will nicht mehr messen.
# 1. Ist es wirklich KVM?
systemd-detect-virt
# 2. Welche CPU, wie viele Kerne, welche Flags?
lscpu | grep -E 'Model name|Socket|Core|Thread|Flags' | cut -c1-120
# 3. Wie viel RAM ist wirklich da?
free -h
# 4. Steal Time über eine Minute beobachten (Spalte "st")
vmstat 5 12
# 5. Schreibrate der Platte — grob, aber vergleichbar
dd if=/dev/zero of=/tmp/testdatei bs=1M count=2048 oflag=direct status=progress
rm /tmp/testdatei
Messungen auf einem geteilten System schwanken. Ein einzelner schlechter dd-Wert um 20 Uhr sagt wenig. Wiederhole die Messung zu drei verschiedenen Tageszeiten, bevor du daraus eine Aussage machst und veröffentliche keine Zahl, die du nur einmal gesehen hast.
Was am Ende zählt#
Meine persönliche Reihenfolge, wenn ich nur drei Kriterien haben dürfte:
- Notfall-Zugang und Rettungssystem. Weil der Tag kommt, an dem du dich aussperrst.
- Ehrlichkeit des Datenblatts. Wer „unbegrenzt“ schreibt und im FAQ eine Grenze nennt, wird auch an anderen Stellen ungenau sein.
- Route und Latenz zu deinem Standort. Weil du jeden Tag darauf tippst.
Preis steht bewusst nicht in der Liste. Der Unterschied zwischen einem guten und einem billigen Anbieter beträgt bei kleinen Tarifen wenige Euro im Monat und ein einziger vermeidbarer Ausfallabend kostet mehr Nerven, als diese Differenz in einem Jahr wert ist.
Weiter geht es mit dem, was direkt nach der Bestellung passieren sollte: Die erste Stunde auf einem neuen Server.
Geschrieben aus dem laufenden Betrieb: MRMedia betreibt eigene Proxmox- Hosts, einen Backup-Server und Kundendienste in der EU. Fehler in einer Anleitung sind Fehler im eigenen Betrieb. Korrekturen bitte über Discord.